«Nicht legal, aber legitim – und in dieser Situation moralisch vertretbar»

  03.04.2025 Bezirk Sissach, Natur, Gesellschaft, Kultur, Bezirk Sissach, Baselbiet, Sissach

Ruedi Epple über seine Rolle bei der Besetzung des AKW-Geländes in Kaiseraugst vor 50 Jahren

Der Sissacher Ruedi Epple war Mitbegründer der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK). Im Interview spricht der Historiker über die Erfolge der Anti-AKW-Bewegung, die Spaltung innerhalb der Anti-AKW-Gruppen und die Parallelen zur heutigen Klimabewegung.

David Thommen

Herr Epple, was hat Sie 1975 dazu bewogen, sich an der Besetzung des AKW-Geländes in Kaiseraugst zu beteiligen?
Ruedi Epple:
Es war die Angst vor der Atomkraft – auch der friedlichen Nutzung. Der Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki zum Ende des Zweiten Weltkriegs war damals noch sehr präsent, und die Furcht vor einer atomaren Katastrophe durch eine Havarie gross. Ich gehörte 1973 zu den Gründungsmitgliedern der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK). Zwischen Weihnachten und Neujahr 1973 haben wir das Gelände in Kaiseraugst zum ersten Mal symbolisch besetzt. Das war ein Testlauf für die gewaltfreien Aktionen, die wir später realisieren wollten.

Am 1. April 1975 folgte dann die richtige Besetzung.
Für uns war das eine Notsituation. Die Region Basel drohte zu einer dicht mit Atomkraftwerken bestückten Gegend zu werden. Die Besetzung war der einzige Weg, das AKW noch zu verhindern. Rechtlich lag nichts mehr drin, da das Bundesgericht bereits zugunsten der Betreibergesellschaft geurteilt hatte. Eine Volksinitiative wäre selbst bei einem Erfolg an der Urne zu spät gekommen. Darum haben wir den Schritt zu dieser gewaltfreien Aktion gemacht.

Mit der Betonung der Gewaltfreiheit?
Für mich war das immer ein ganz zentraler Aspekt. Im Zusammenhang mit meiner Militärdienstverweigerung hatte ich mich intensiv damit beschäftigt, wie man sich ohne Gewalt wehren kann.

Was war Ihre Rolle in der Kaiseraugst-Bewegung?
Meine Aufgabe war es, in die «Gewaltfreiheit» einzuführen und diese stark zu machen. Ich habe mich dazu an anderen gewaltfreien Bewegungen orientiert, zum Beispiel an Gandhi in Indien oder an Martin Luther King in den USA. Ich habe von dort viele Elemente in unsere Bewegung eingebracht, und wir haben uns sehr bewusst mit Gewaltfreiheit auseinandergesetzt. Wir haben auch Trainings in gewaltfreiem Verhalten gemacht – das also aktiv eingeübt.

Wie übt man das aktiv ein?
Im Rollenspiel, im Vorbereiten von Ordnerdiensten, im sich Vorbereiten auf Situationen, bei denen es zu Provokationen durch den «Schwarzen Block» oder zu einem Unfall oder Panik auf dem Gelände kommt. Geübt haben wir damals samstagelang auf dem Bienenberg oberhalb von Liestal. Das war meine hauptsächliche Rolle. Wir hatten andere führende Mitglieder in der GAK, zum Beispiel Peter Scholer, der spätere Stadtrat von Rheinfelden. Er hat viele organisatorische Ideen und auch seine Kenntnisse als Baumeister eingebracht. Oder Daniel Wiener oder Meinrad Ballmer, die journalistisches Know-how einbrachten. Die Organisation funktionierte bald gut – auch ohne mich. Ich musste 1974 wegen meiner Militärdienstverweigerung für vier Monate nach Solothurn ins Gefängnis, und alles lief weiter.

Sie kamen aber vor der Besetzung im April 1975 wieder raus und stiegen bei der GAK wieder ein …
Ja. In der Zwischenzeit war dort eine nette Frau beigetreten ... Wir heirateten später und zogen unsere Kinder gross – auch das gehört zu meiner Kaiseraugst-Geschichte. Während der Besetzung im Jahr 1975 bin ich selbst eher zurückhaltend aufgetreten. Ich wollte nicht angezeigt werden, da ich nur auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden war und keinesfalls dorthin zurück wollte. Zudem hatte ich mein Studium in Konstanz aufgenommen und war daher auch nicht immer in der Region. An den Wochenenden war ich aber häufig auf dem Gelände und nahm auch an den wichtigen Vollversammlungen und Demonstrationen teil. Zum harten Kern der Besetzer gehörte ich aber nicht.

Zur GAK sind Sie damals von den Jungsozialisten gekommen. Die Juso waren meist langhaarige und bärtige Typen, die sich dem 68er-Kampf gegen den Kapitalismus verschrieben hatten. Wie konnte es trotzdem gelingen, dass die Kaiseraugst-Bewegung letztlich so viel Rückhalt in der Bevölkerung geniessen konnte?
Den Jungsozialisten allein wäre das niemals gelungen. Die GAK entwickelten wir ganz bewusst zu einer Bürgerinitiative, die nur ein einziges Ziel hatte, nämlich das AKW zu verhindern. Es waren Linke dabei, bald aber auch Landwirte, Bürgerliche und selbst Mitglieder der Nationalen Aktion (NA). Also das ganze politische Spektrum – ich hatte längst nicht mit allen das Heu auf der gleichen Bühne. Wir von der GAK haben aber auf diese Offenheit gepocht. Wir konnten nur dann die nötige Breite erreichen, wenn der Kampf gegen das AKW gewaltfrei geführt und nicht für andere politische Anliegen missbraucht würde. Das ist gelungen. An die Demonstrationen kamen Tausende – von Mal zu Mal waren es mehr. Die Region stand hinter uns.

Die GAK war also eine Anti-AKW-Bewegung ohne weitere politische Agenda?
Ja. Doch das wurde zunehmend zur Zerreissprobe. Die antikapitalistischen Jungsozialisten, die POCH oder die Revolutionäre Marxistische Liga konnten mit der Ausrichtung der GAK weniger anfangen, was letztlich zur Spaltung der Bewegung führte. Die Einheit in der Vielfalt ging damit leider etwas verloren. Die Anti- AKW-Bewegung war damals aber schon so stark und eigendynamisch, dass sich dies nicht gross ausgewirkt hat. Später haben wir recht erfolgreich versucht, die Zusammenarbeit zwischen den Bewegungsteilen zu reaktivieren. Die Pfingstmärsche nach Leibstadt oder Gösgen waren bewusst so gestaltet, dass alle daran teilnehmen konnten.

Weshalb ist es ausgerechnet in der Region Basel gelungen, eine so starke Anti-AKW-Bewegung in Gang zu bringen, während in anderen Schweizer Regionen und weltweit solche Werke gebaut wurden?
Vermutlich waren es mehrere Faktoren: Einerseits dürfte die Ballung der geplanten Atomanlagen im ganzen Dreiland eine Rolle gespielt haben. Speziell in Wyhl am Kaiserstuhl hatte sich damals schon grosser Widerstand formiert. Eine Rolle spielte aber auch die Belastung durch die Chemie und die Industrie in der Region. So gab es damals auch auf Schweizer Seite des Rheins Proteste gegen ein Alu-Werk in Badisch-Rheinfelden, das seine Fluorschwaden regelmässig auch Richtung Schweiz losliess. Und auch Störfälle in der Chemie gab es immer wieder. Eine Sensibilisierung in Umweltfragen hatte also schon stattgefunden.

Ist die Region Basel überdies überdurchschnittlich kampfeslustig?
Das spielte ganz eindeutig eine Rolle. Aus der Auseinandersetzung um die Wiedervereinigung der beiden Basel gab es hier bereits eine Bewegungserfahrung und eine gewisse Kampferprobtheit. Als wir von der GAK lokale Ableger gründeten, haben wir diese wie automatisch «Ortsgruppen» genannt. Das war eindeutig ein Begriff, der aus der Bewegung gegen die Wiedervereinigung 1969 mit Basel stammte. Es gibt Historiker, die behaupten, dass im Baselbiet seit der Kantonstrennung latent eine gewisse anarchistische Grundstimmung herrscht und es auch das Gefühl gibt, vom Rest der Eidgenossenschaft etwas abgehängt zu sein, was den widerspenstigen Geist stets etwas anstachelt.

Die Bewegung setzte auf gewaltfreien zivilen Widerstand. Der Tessiner Giorgio Bellini bekannte sich 2021 vor seinem Tod zu vielerlei Anschlägen, unter anderem auf Kernkraftwerke in der Schweiz in den 1970erund 1980er-Jahren – darunter die Sprengung des Informationspavillons in Kaiseraugst im Jahr 1979. Bellini war in linksautonomen Kreisen in Zürich aktiv. Wie hatte der Anschlag damals auf Sie gewirkt?
Ich und viele in der Bewegung haben das abgelehnt. Wir wollten keine Gewalt – es ging um den Schutz der Bevölkerung, und dafür war Gewalt nicht legitim. Wir hatten vermutet, dass der oder die Täter irgendwo aus dem Schwarzen-Block-Milieu kommen, mit dem wir aber nichts zu tun hatten. Froh waren wir, dass der Anschlag immerhin so sorgfältig ausgeführt worden war, dass dadurch keine Menschenleben in Gefahr geraten sind.

In Deutschland verbreitete zu dieser Zeit die RAF ihren Terror. Bestand die Angst, dass die Anti-AKW-Bewegung den Nährboden für Terror in der Schweiz bilden könnte?
Nein. Gewaltfreiheit war für uns immer das oberste Prinzip. Eine gewaltfreie Bewegung bildet keinen Nährboden für Terrorismus.

Die Bewegung plante, bei einer allfälligen Räumung durch Ordnungskräfte durch die Mobilisierung vieler Menschen ein «Verkehrschaos» in der Region auszulösen. War dies nicht ein Widerspruch zur Gewaltfreiheit?
Nein. Da rechtliche und politische Möglichkeiten versperrt waren, wären in unseren Augen solche Aktionen gerechtfertigt gewesen. Es wäre keine aktive Gewalt ausgeübt worden. Unsere Aktionen waren zwar nicht legal, aber legitim gewesen – für uns in dieser Notsituation moralisch vertretbar.

Bürgerliche Politiker äusserten damals den Verdacht, die Anti-AKW-Bewegung sei von «Moskau» unterwandert. War das reine Polemik, oder steckte tatsächlich etwas dahinter? Russland übt offensichtlich auch heute Einfluss in verschiedenen Ländern aus …
Solche Anzeichen gab es nicht im entferntesten. Der Antikommunismus spielte damals in der Schweiz eine grosse Rolle, und mit solchen Beschuldigungen waren viele rasch zur Hand. Auch ich als Militärdienstverweigerer habe mir häufig anhören müssen, dass ich doch nach Moskau abhauen solle. Das gehörte damals zum Standardrepertoire.

Wie wichtig war die Anti-AKW-Bewegung für linke Parteien wie die POCH oder die Grünen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren gerade in unserer Region stärker wurden?
Die Auseinandersetzung hat eindeutig Rückhalt produziert für Bestrebungen zugunsten des Umweltschutzes. Es kommt nicht von ungefähr, dass Baselland der erste Kanton war, der sich ein fortschrittliches Energiegesetz gegeben hat.

Die beiden Basel haben auch heute noch den Passus in den Kantonsverfassungen, dass Widerstand gegen Atomanlagen geleistet werden muss. Ist das noch zeitgemäss?
Ja, diese Errungenschaft muss bleiben. Die Verfassungsbestimmung ist ein Stachel bei der mittlerweile wieder laufenden Diskussion um neue Atomkraftwerke. Der Stachel führt dazu, dass man sich wirklich intensiv mit der Frage befassen muss, wie das Problem mit den radioaktiven Abfällen abschliessend gelöst werden kann. Und er hält auch die Sensibilität dafür wach, dass es zu Störfällen kommen kann. Sind solche Fragen nicht breit diskutiert und befriedigend beantwortet, werden die Verfassungsbestimmungen auch nicht verschwinden.

Seit der Kaiseraugst-Besetzung sind nun 50 Jahre vergangen. Es gab mit Tschernobyl und Fukushima Katastrophen, doch die Technologie hat sich in dieser Zeit stark entwickelt. Ist die Angst vor neuen Kernkraftwerken noch berechtigt?

Die Angst ist heute bestimmt nicht mehr ganz so gross. Die jüngeren Generationen beurteilen die AKW-Frage heute neu und bestimmt auch etwas anders. Unsere Ausgangslage war damals eine andere: Die damaligen Atomanlagen waren unsicher, wie sich später unter anderem in Tschernobyl gezeigt hat, und die Abfallfrage war absolut ungelöst und ist es im Prinzip auch heute noch. Die Ereignisse in der Vergangenheit haben unserer Bewegung recht gegeben. Wir können froh sein, dass das AKW Kaiseraugst mit der damaligen Technologie nie gebaut worden ist.

Bevor die Idee für dieses AKW aufkam, war ein Ölkraftwerk in Kaiseraugst in Diskussion. Später war von einem Kohlekraftwerk in Pratteln die Rede. Müssen wir aus heutiger Klimasicht nicht froh sein, dass weltweit AKW gebaut wurden und all diese Energie nicht mit fossilen Brennstoffen samt riesigem CO2-Ausstoss erzeugt wurde?
Das könnte man aus heutiger Sicht vielleicht so sehen. Damals in den 1970er-Jahren war das Klima aber natürlich noch kein grosser Diskussionspunkt. Und aus heutiger Sicht ist für mich klar, dass wir nicht auf Atomkraft setzen sollten, sondern mit Sonne, Wind und Wasser genügend Alternativen haben.

Dem steht gegenüber, dass mit der zunehmenden Dekarbonisierung der Stromhunger wächst. Man denke nur an all die Autos, die von Benzin- auf Elektroantrieb umstellen sollten. Ist das in Ihren Augen kein Dilemma?
Selbstverständlich ist das ein Dilemma! Der Ausweg heisst allerdings nicht neue Atomkraftwerke, sondern vor allem, dass wir insgesamt weniger Energie verbrauchen sollten.

Das scheint wenig realistisch zu sein …
Vielleicht ist es wenig realistisch, aus meiner Sicht dennoch unabdingbar.

Das endgültige Aus fürs AKW Kaiseraugst kam erst 1988. Die Betreiberfirma wurde damals mit 350 Millionen Franken abgefunden. War das ein Sieg der Bewegung oder einfach ein politischer Kuhhandel?
Man war sich 1988 abschliessend bewusst, dass man dieses AKW nicht gegen den Widerstand einer ganzen Region durchsetzen kann – schon gar nicht so kurz nach Tschernobyl und Schweizerhalle. Unserer Bewegung ist es vor allem gelungen, Zeit zu gewinnen. So war das geplante AKW Kaiseraugst in technischer Hinsicht mittlerweile restlos veraltet und hätte neu geplant werden müssen. Dazu kamen finanzielle Gründe: Das vorhandene Geld war mittlerweile in Kraftwerke wie Gösgen oder Leibstadt abgeflossen, und in der Zwischenzeit hatte man auch damit begonnen, Atomstrom zu importieren.

Statt aus Kaiseraugst kam der Atomstrom aus Frankreich, wo die Schweiz zu investieren begann. War das ein Stück weit auch ein Pyrrhussieg der Anti-AKW-Bewegung?
Pyrrhussieg ist ein hartes Wort. Aber es stimmt: Aus Frankreich kam Atomstrom, wir konnten Gösgen und Leibstadt nicht verhindern, die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima ebenfalls nicht. Die Anti-AKW-Bewegung hat vieles nicht erreicht, wir hätten gerne mehr gehabt (lacht).

Heute gibt es die Bewegung «Fridays for Future». Sehen Sie Parallelen zur Anti-AKW-Bewegung von vor 50 Jahren?
Die gibt es – nämlich die Notsituation. Die jungen Leute sehen sich angesichts der Bewegungslosigkeit aufseiten der Politik gezwungen, etwas zu unternehmen. Was den Klimaaktivisten etwas weniger gut gelingt als uns damals: Sie bleiben heute weitgehend isoliert. Sie schaffen es weniger gut als wir damals, breite Kreise für die Bewegung zu gewinnen. Das wäre das Mittel zu einem grösseren Erfolg.

Wer sich auf Strassen festklebt, wird kaum in weiten gesellschaftlichen Kreisen Gefolgschaft mobilisieren können …
In der Tat gäbe es vermutlich sympathischere Aktionen …

Mit welchem Gefühl schauen Sie mit der Distanz von 50 Jahren auf die Besetzung von Kaiseraugst zurück? Vor allem mit Stolz?
Stolz ist sicher dabei. Im richtigen Moment am richtigen Ort die richtigen Vorschläge gemacht zu haben, ist für mich als politischer Mensch etwas, was sehr befriedigend ist. Aber natürlich im Bewusstsein dessen, dass es auch viele andere Menschen gebraucht hat, die am gleichen Strang gezogen haben.

In der «Volksstimme» vom vergangenen Dienstag hat Ruedi Epple die Geschichte des verhinderten AKW Kaiseraugst aus der Warte des Historikers beschrieben.


Zur Person

tho. Dr. phil. Politologe Ruedi Epple (73) wohnt in Sissach, wo er aufgewachsen ist und einen grossen Teil seines Lebens verbracht hat. Er studierte in Konstanz Politikwissenschaften und Soziologie sowie Geschichte an der Universität Zürich. 1973 verweigerte er den Militärdienst – damals etwa als fünfter Sissacher, wie er sagt. Vor ihm hatten beispielsweise der heute bekannte Soziologe Ueli Mäder und dessen Bruder Markus diesen Schritt gewagt. Dank dieser «Pioniere» sei für ihn die gesellschaftliche Ächtung in Sissach nicht mehr ganz so scharf ausgefallen, sagt Epple. Es gab im Gegenteil sogar Sympathien, wie er im Gespräch mit der «Volksstimme» erzählt. Und zwar habe im Dezember 1973 der «Volksstimme»-Verleger und Chefredaktor Hansjakob Schaub seine Verhandlung vor Militärgericht in Olten mitverfolgt. Offensichtlich habe ihn sein Mut beeindruckt, den Militärdienst zu verweigern und dafür sechs Monate Gefängnis in Kauf zu nehmen. Jedenfalls habe Schaub danach nicht nur einen sympathischen Artikel über den Prozess geschrieben, sondern noch im Gerichtssaal erklärt, dass die «Volksstimme» die Gerichtskosten übernehme, die sonst an Epple hängen geblieben wären. Schaub dürfte honoriert haben, dass hier jemand für seine Überzeugung auch dann einsteht, wenn unangenehme Konsequenzen auf ihn warten. Die Forderung nach der Einführung eines Zivildienstes aus Gewissensgründen wurde anfangs der 1970er-Jahre vereinzelt auch aus liberalen Kreisen erhoben. So machte sich der Bottminger FDP-Nationalrat Felix Auer dafür stark.
Epple arbeitete lange Zeit bei der Forschungsstelle Baselbieter Geschichte, danach einige Jahre als Projektleiter beim Bundesamt für Statistik und anschliessend als Dozent und Forscher an der Universität Freiburg. In seiner Zeit bei der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK) war er einer der zentralen Köpfe. Epple ist Mitglied der SP.


Aktivisten blicken zufrieden zurück

Kaiseraugst | Am Samstag gibt es in Basel einen Gedenkanlass

sda. Am 1. April 1975 haben Aktivistinnen und Aktivisten das Gelände des geplanten Atomkraftwerks Kaiseraugst besetzt. Es entstand eine Volksbewegung, die schliesslich zum Verzicht auf das Projekt führte.

Es war ein kalter Osterdienstag, als rund 500 Atomkraftgegnerinnen und -gegner das Gelände vor den Toren Basels besetzten. Mit der Aktion verhinderten sie, dass die kurz zuvor überraschend aufgenommenen Aushubarbeiten fortgeführt werden konnten (vgl. auch Interview links und «Volksstimme» vom Dienstag). Es war die Geburtsstunde der Anti-AKW-Bewegung in der Schweiz.

Aus der Besetzung erwuchs eine Volksbewegung, die nicht nachliess. Unter dem Eindruck der Atomkatastrophe in Tschernobyl im April 1986 setzte sich die Einsicht auch in der Politik durch, dass sich der Bau eines neuen AKW nicht durchsetzen liess. Im Herbst 1988 wurde das Projekt zu Grabe getragen.

Am Dienstag blickten Zeitzeugen des Widerstands auf dem Gelände in Kaiseraugst auf die erfolgreiche Bewegung zurück. Peter Scholer, Mitgründer der damaligen Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK) und graue Eminenz der Anti-AKW-Bewegung, liess vor Ort die Umstände, die zur Besetzung geführt hatten, Revue passieren. Man habe die Besetzung unter dem Gesichtspunkt der Gewaltfreiheit im Voraus trainiert und stets Ausschau gehalten, wann die ersten Bagger auffahren, sagte er.

Vor Ostern 1975 sei es so weit gewesen. Das Gelände wurde am Osterdienstag besetzt, Aktivistinnen und Aktivisten hätten sich auf die Bagger gesetzt, ein Besetzerdorf sei aufgebaut worden – mit Hilfe der Bevölkerung und der Bauern aus der Umgebung. Elf Wochen habe man ausgeharrt, bis der damalige Bundesrat und Energieminister Willi Ritschard Verhandlungen vorschlug.

Ehemaliger AKW-Direktor vor Ort
Scholer begrüsste am Gedenkanlass als besonderen Gast Ulrich Fischer, damaliger Direktor des AKW Kaiseraugst AG und damit Gegenpart der Besetzerinnen und Besetzer. Gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte er, dass es letztlich vernünftig gewesen sei, im Einvernehmen mit der Besetzerschaft die Lösung eines Bauaufschubs zu erwirken und nicht mit einem grossen Polizeieinsatz aufzufahren.

Dieser Aufschub dauerte an, bis 1986 die Katastrophe in Tschernobyl zu einem Bewusstseinswandel führte. 1988 wurde das AKW Kaiseraugst, ausgelöst durch bürgerliche Motion in den eidgenössischen Räten unter der Ägide von Christoph Blocher, beerdigt.

Andreas Fischer, Präsident des Vereins «Nie wieder Atomkraftwerke» (NWA), bekundete als «Nachgeborener» mit Jahrgang 1977 seine Dankbarkeit gegenüber den damaligen Aktivistinnen und Aktivisten. «Ich bin euch ewig dankbar, dass ich in Füllinsdorf nicht unter Kühltürmen aufwachsen musste», sagte er.

Erster Baustein für Atom-Ausstieg
Kaiseraugst sei der erste Baustein für den Ausstieg aus der Atomenergie gewesen, der in der Politik leider wieder hinterfragt werde, sagte er. Es gehe darum, mit allen verfügbaren Mitteln die Förderung der erneuerbaren Energien voranzutreiben sowie die Abschaltung der veralteten Atomkraftwerke zu erwirken.

Mit vor Ort war auch Hanspeter Meyer, FDP-Gemeinderat von Kaiseraugst. Er erinnerte sich als damaliger AKW-Befürworter, dass die Besetzung des Geländes die Bevölkerung der Gemeinde gespalten habe. Im Nachhinein gesehen sei es aber ein heilsamer Prozess gewesen, sagte er. Am Samstag veranstaltet die NWA ab 11 Uhr in der Basler Markthalle eine Jubiläumsfeier «50 Jahre nach Kaiseraugst».

Heute Donnerstag strahlt das Fernsehen auf SRF 1 um 20.10 Uhr den Dokumentarfilm «Protest gegen das AKW Kaiseraugst – Revolution in der Energiepolitik» aus.


Image Title

1/10

Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote