«Diesen extremen Initiativen kann ich nichts Positives abgewinnen»

Mi, 26. Mai. 2021
Marc Brodbeck fürchtet um die Existenz vieler Landwirtschaftsbetriebe, falls die Agrarinitiativen angenommen werden. Bild Elmar Gächter

Bauernpräsident Marc Brodbeck zu den Agrarinitiativen

Am 13. Juni wird über die beiden Volksinitiativen für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung sowie für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide abgestimmt. Marc Brodbeck ist sowohl Präsident des Bauernverbands beider Basel als auch Präsident des Komitees «2 x Nein zu den extremen Agrarinitiativen». Die «Volksstimme» hat mit ihm ein Gespräch geführt.

Elmar Gächter

Herr Brodbeck, gemäss der letzten SRG-Umfrage ist eine knappe Mehrheit des Schweizer Volks für die Annahme der Initiativen. Beunruhigt Sie das?
Marc Brodbeck
: Tendenzen lesen ist nicht so mein Ding, sie können meine Meinung ohnehin nicht beeinflussen. Aber im Unterbewusstsein ist die Abstimmung schon dauernd präsent. Wenn du die Feldspritze an den Traktor koppelst, taucht unweigerlich die Frage auf: Was passiert nach der Abstimmung, was hat eine Annahme für deinen und die übrigen der rund 900 Landwirtschaftsbetriebe in unserem Verband für Konsequenzen? Wir kennen den Inhalt der Initiativtexte bereits seit zwei Jahren und konnten uns schon im Trockensommer 2018 ein Bild davon machen, was es heissen könnte, kein Heu kaufen zu können.

Wie erleben Sie den Abstimmungskampf?
Wir sind ein Verband mit unterschiedlichen Betriebsausrichtungen, darunter etwa 18 Prozent Biobetriebe. Da können naturgemäss nicht alle gleicher Meinung sein. Auf der anderen Seite möchten wir möglichst alle Mitglieder vertreten. Wir haben deshalb ein separates Komitee mit eigener Post- und Mailadresse gegründet, das mit seinem «2 x Nein zu den extremen Agrar-Initiativen» primär den Abstimmungskampf führt. Die grosse Mehrheit unserer Mitglieder ist entschieden gegen die Initiativen, darunter auch ein grosser Teil der Bioproduzenten. Diese klare Nein-Haltung kommt nicht zuletzt daher, dass die Initiativen in den Augen der landwirtschaftlichen Produzenten viel zu extrem sind.

Was beurteilen Sie bei der Trinkwasserinitiative als extrem?
Wie ich vergangene Woche am Medienanlass unseres Komitees in Pfeffingen festgehalten habe, führt die Forderung, dass Tiere nur noch mit betriebseigenem Futter ernährt werden dürfen, dazu, dass die meisten Geflügel- und Schweinehalter ihre Produktion aufgeben müssten. Es sei denn, sie verzichten auf Direktzahlungen. Dies wäre ökologisch gesehen ein Rückschritt, da diese Zahlungen auch eine Mindestfläche für die Biodiversitätsförderung voraussetzen. Da sich der Anbau von Kulturen wie Kartoffeln, Raps, Zuckerrüben oder Obst aufgrund der Ernteausfälle nicht mehr lohnen wird, geht der Selbstversorgungsgrad markant zurück. Die Annahme der Initiative führt zu weniger Regionalität, höheren Preisen, mehr Importen, mehr Food Waste und gefährdet einen grossen Teil der zurzeit rund 2900 Arbeitsplätze in unserem Verbandsgebiet.

Und bei der Pestizidinitiative?
Von dieser Initiative ist die breite Bevölkerung mindestens so stark betroffen wie wir Bauernfamilien. Die Konsumenten hätten im Laden keine Auswahl mehr, könnten nur noch Bio kaufen (heute liegt der Anteil von Bioprodukten bei 11 Prozent) und müssten deutlich mehr fürs Essen bezahlen. Bereits heute kann jede und jeder mit dem Einkaufsverhalten diese Art der Landwirtschaft fördern. Leider ist es oft so, dass alles perfekte Qualität haben muss und nicht zu viel kosten darf. Deshalb befürchten wir – dieses Phänomen kennen wir in der Grenzregion ja bestens –, dass dann noch mehr Leute im umliegenden Ausland einkaufen und damit regionale Arbeitsplätze verschwinden.

Sie sprachen im Zusammenhang mit der Lebensmittelproduktion von einem «Heidi-Land». Was meinen Sie damit?
Ich habe manchmal das Gefühl, dass man in der Schweiz eben wie in einem «Heidi-Land» leben will. Man will alles tipptopp aus dem Regal der Grossverteiler nehmen können. Von der Produktion möchte man nichts sehen und nichts hören und am liebsten nur ökologische Ausgleichsflächen betrachten. Aber so ist es nicht. Ich bin aktiv tätig im Getreideproduzentenverband, der seit Jahren gegen den Import von Teiglingen, also Aufbackware, kämpft. In dieser Ware − jährlich gegen 250 000 Tonnen − sind nachweislich immer wieder Spuren von Glyphosat, das im Ausland zur Beschleunigung der Abreife eingesetzt wird. Dabei hätten wir es in der Hand, genügend eigenes, nichtkontaminiertes Getreide zu produzieren. Man exportiert das Problem lieber ins Ausland.

Ihr Verband vertritt die Betriebe in der Stadt und auf dem Land und das Komitee ist in beiden Kantonen aktiv. Spüren Sie grundsätzliche Meinungsunterschiede zu den Initiativen zwischen der Stadt und seiner Agglomeration und dem Oberbaselbiet?
Es ist Teil unserer Strategie, bewusst in die Agglomeration zu gehen. Ich war überrascht, wie interessiert die Leute in der Stadt waren. Der Anlass hat mir aber auch gezeigt, wie weit weg die Landwirtschaft in den Köpfen der Stadtbewohner ist. Allerdings ist es schwierig zu sagen, in welche Richtung sich das Abstimmungsresultat bewegen wird. Tatsache ist, dass noch viel Aufklärungsarbeit notwendig ist.

Haben Sie einen so emotionsgeladenen Abstimmungskampf schon einmal erlebt?
Nein. Man muss auch sehen, dass die Landwirtschaft noch nie unter solchem Druck stand wie nun die Milchwirtschaft ebenso wie die Gemüseund Obstproduzenten. Dabei wird auf der Seite der Befürworter mit vielen Unwahrheiten gekämpft. Zieht man die Aktion mit den Nacktfotos von jurassischen Bäuerinnen und Bauern als Beispiel heran, scheinen dieser Seite die sachlichen Argumente auszugehen. Bei uns kamen Plakate weg oder wurden verschmiert, aber im Allgemeinen wird in unserem Verbandsgebiet mit fairen Mitteln gekämpft.

Wie schaffen Sie es, sich neben Ihrem Betrieb sowohl als Verbandswie auch als Komiteepräsident diesem anspruchsvollen und zeitintensiven Abstimmungskampf zu widmen?
Ich führe keine Statistik über den Stundenaufwand (lacht). Aber es ist zurzeit schon mindestens eine Doppelbelastung. Andere Landwirtschaftsverbände stellen für den Abstimmungskampf Stellenprozente frei. Dies ist in unserem kleinen Verband im Moment schlicht nicht möglich. Aber ich will nicht jammern, es ist so, wie es ist. Ich habe das Glück, dass mich meine Frau und mein Vater auf dem Betrieb stark unterstützen.

Wie steht es am Familientisch? Diskutieren Sie auch mit Ihren Kindern über die Initiativen?
Das ist fast unumgänglich. Ich sage meinen drei Kindern, die im Alter zwischen 13 und 18 Jahren stehen, nie, wie sie sich dazu äussern sollen. Sie müssen sich selber eine Meinung bilden. Da muss ich meinen jüngsten Sohn schon mal etwas bremsen, denn er ist ein überzeugter Gegner der Initiativen. Es ist mir auch wichtig, dass sie andere Meinungen akzeptieren und gelten lassen.

Was würde die Annahme einer oder der beiden Initiativen für Ihren eigenen Betrieb bedeuten?
Der Landwirt hat keinen Einfluss auf das Wetter, das Wetter aber auf die Kulturen. Wenn ich diese nicht mehr gegen Pilzbefall schützen kann, wird der Ertrag massiv sinken. Gewisse Kulturen werden verschwinden und man fällt zurück in die Zeiten der Zufallsproduktion. Auch beim Tierbestand werden wir massive Leistungseinbussen in Kauf nehmen müssen, nicht zuletzt in Anbetracht der laufend mehr und mehr trockenen Phasen im Oberbaselbiet. Dann stellt sich irgendwann die Existenzfrage, was ich überhaupt noch produzieren kann. Man fordert von den Landwirten, dass sie innovativ, flexibel und unternehmerisch sind. Aber wir sind nun mal ein Landwirtschaftsbetrieb und können nicht irgendwelche zonenfremden Aktivitäten entfalten.

Lohnt es sich überhaupt noch, Landwirt zu sein?
Solche Fragen stellt man sich zeitweilig schon. Aber für mich ist es nach wie vor der schönste Beruf. Doch es muss alles stimmen. Dazu gehören auch die Direktzahlungen. Dabei wird vielfach ausgeklammert, dass viele Betriebe im Baselbiet wesentlich mehr Biodiversitätsflächen als vorgeschrieben aufweisen. Ich stelle einfach fest, dass die Landwirtschaft oft daran aufgehängt wird, was sie nicht macht, und dass man einfach ausblendet, was wir zusätzlich für die Umwelt leisten.

Nochmals zu den Initiativen: Können Sie den Forderungen der Initianten etwas Positives abgewinnen?
Ich habe mich früh mit den Initiativtexten auseinandergesetzt, aber vergeblich nach befürwortenden Argumenten gesucht. Es ist einfach Wahnsinn, wie die breite Basis der Landwirtschaft zu Boden gestampft wird. Nein, mit solchen Extremen kann ich nichts anfangen.

Und wie lautet Ihre Prognose für den Abstimmungssonntag?
Natürlich hoffe ich, dass es ein zweifaches Nein gibt, aber ich kann es nicht beurteilen. Uns im Verband und im Komitee bleibt nur, bis zum 13. Juni weiter unsere volle Kraft dafür einzusetzen.


Zur Person

emg. Marc Brodbeck ist 47-jährig und hat mit seiner Frau Monique eine Tochter und zwei Söhne im Alter zwischen 13 und 18 Jahren. Er hat den Hof Grien in Buus vor 12 Jahren von seiner Mutter übernommen und betreibt auf rund 30 Hektaren Land Milchwirtschaft, Ackerbau und im Sommer eine Mähdrescherei. Er ist seit 2016 im Vorstand des Bauernverbands beider Basel und führt die Organisation seit Dezember 2019. Im Hinblick auf die Abstimmung über die Agrarinitiativen hat er die Leitung des Komitees «2 x Nein zu den extremen Agrarinitiativen» übernommen, das die beiden Vorlagen in Basel-Stadt und im Baselbiet bekämpft.

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