Sie strebt den grossen Wandel an

| Do, 07. Nov. 2019
Marie-Claire Graf bevorzugt das Reisen mit dem Zug – dem Klima zuliebe. Bild Sebastian Schanzer

Als Teenager präsidierte sie den Baselbieter Jugendrat. Heute lobbyiert Marie-Claire Graf bei Bundesräten für nachhaltige Politik und vertritt die Schweiz an internationalen Klimakonferenzen. Die Mitinitiantin des ersten Klimastreiks in der Schweiz will aber keine Schweizer «Greta» sein.

Sebastian Schanzer

Nein, Sojamilch hat das «Trafico» beim Gelterkinder Bahnhof nicht im Angebot. Aber ein Apfel-Cassis-Saft tuts auch. Marie-Claire Graf, überzeugte Vegetarierin, muss ihre kulinarischen Ansprüche zurückschrauben, seit sie nach zwei Jahren in Zürich nun wieder in Gelterkinden lebt. Sie fand es irgendwie «dekadent», ein Zimmer in der Limmatstadt zu mieten, wo sie doch so viel unterwegs ist – in der Schweiz, in Europa, auf der ganzen Welt. Ihre Mission: das Thema Nachhaltigkeit in die Weltpolitik zu tragen. Ein radikaler Wandel in der Gesellschaft sei nötig, um der heutigen Jugend eine Zukunft auf dieser Welt zu sichern. Anfang Jahr reiste die Aktivistin mit Zug, Bus und Schiff an eine Konferenz nach Istanbul – 35 Stunden Reisezeit. Fliegen in Europa ist für sie tabu.

Marie-Claire Graf wurde in den Medien bereits als die «Greta» der Schweiz bezeichnet – ein Prädikat, das der 23-jährigen Gelterkinderin missfällt: «Im Vordergrund steht für mich die Botschaft. Wir versuchen bewusst, das Schaffen von Idolen zu verhindern, weil das der Botschaft schaden kann», sagt sie. Dennoch lässt sie im Gespräch mit der «Volksstimme» durchblicken, dass auch sie Greta Thunberg, die 16-jährige Klimaschutzaktivistin aus Schweden, bewundert. Die von Thunberg initiierten «Schulstreiks für das Klima» sind inzwischen zur globalen Bewegung «Fridays for Future» gewachsen, und es ist einem Treffen von Graf mit Thunberg im Dezember 2018 zu verdanken, dass seit bald einem Jahr auch in der Schweiz Schüler freitags auf die Strasse gehen.

Greta rät zum Streik
Und das kam so: Graf befand sich als Vizepräsidentin von «Swiss Youth for Climate», dem nationalen Jugendverband für Klimaschutz, im polnischen Kattowitz. Uno-Klimakonferenz. Der damalige Bundespräsident Alain Berset forderte in seiner Rede die Welt dazu auf, ihr Möglichstes zu tun, um ihre Emissionen zu reduzieren. «Einen Tag zuvor beschloss der Nationalrat in der Schweiz allerdings, kein internes Reduktionsziel festzulegen», erinnert sich Graf – für sie der Ausdruck einer unerträglichen Doppelmoral. Und es kam noch dicker: «Nur wenige Tage später wurde die Revision des CO2-Gesetzes im Schweizer Parlament abgelehnt. Ich war frustriert.»

In einem längeren Gespräch mit der 16-jährigen Greta, die ebenfalls an der Tagung teilnahm, schlug die Schwedin vor: «Warum streikt ihr nicht einfach?» Von Polen aus wurde ein Chat mit Freunden, Freundinnen und Mitstudierenden in Zürich eröffnet, und zwei Tage später standen Hunderte Jugendliche vor dem Zürcher Rathaus und streikten fürs Klima. «Von da an ist das Ganze organisch gewachsen», fügt Graf an und lacht.

Kampf gegen Nachtbus-Zuschlag
Die junge Frau, die so schnell spricht, als laufe nicht nur der Umwelt die Zeit davon, sondern auch ihr selbst, hat ein ausgeprägtes Bedürfnis, sich an politischen Entscheiden zu beteiligen. Mit 14 Jahren wurde sie Mitglied des Baselbieter Jugendrats, drei Jahre später wurde sie ins Präsidium dieser regierungsrätlichen Kommission gewählt. Da durfte sie noch nicht einmal wählen und abstimmen, traf sich aber bereits mit Regierungsräten und deponierte bei diesen die Anliegen der Jugend. Sie erreichte – gemeinsam mit den Jungparteien –, dass die Nachtbus-Zuschläge im Baselbiet nicht wieder eingeführt wurden. 2015, im Jahr als Graf die Matur bestand, kandidierte sie erfolglos für einen SP-Sitz im Landrat.

Es folgten zwei Jahre in Zürich, wo sie zunächst Umwelt- und Naturwissenschaften an der ETH, später Politikwissenschaften an der Uni Zürich studierte. «Zürich ist ein inspirierendes Pflaster», sagt sie. Es dauerte nicht lange, bis Graf auch dort einige Fäden in die Hand nahm. Sie wurde zur Präsidentin des Schweizer Verbands Studentischer Organisationen für Nachhaltigkeit (VSN) gewählt und war massgebend am Aufbau der Nachhaltigkeitswoche Schweiz beteiligt. In 14 Städten sollten innerhalb von drei Jahren zwölf Wochen stattfinden, an denen das Thema Nachhaltigkeit breit diskutiert wird.

Das Drei-Jahres-Ziel, für das der Bund auch Geld sprach, habe man bereits nach einem halben Jahr erreicht, sagt Graf stolz. Nun wird das Projekt international ausgeweitet. Ziel ist es auch, die Nachhaltigkeit in Lehre und Forschung der Hochschulen zu verankern. «Jede Person, die einen Abschluss macht, muss fachspezifisch etwas zur Nachhaltigkeit gehört haben – ob in Physik, Wirtschaft oder Kunst», fordert Graf.

Junge müssen nicht perfekt sein
Ihre Forderungen richtet die Aktivistin in erster Linie an die Politik. «Klar wäre es schön, wenn sich die Bevölkerung von sich aus mehr um die Umwelt kümmern, etwa genügsamer leben würde», sagt sie. «Aber die Zeit ist knapp, und für grosse Veränderungen braucht es staatliche Regulierungen, die für alle gelten. Das System muss sich ändern.» Bei der fortschreitenden Digitalisierung werde die ältere Bevölkerung ja auch nicht gefragt, ob sie ein Problem damit habe.

«Und es braucht auch Verbote», sagt sie, im Wissen, dass dies bei vielen nicht gut ankommt. Gerne werden die jungen Klimaaktivisten für ihr angeblich widersprüchliches Verhalten kritisiert: heute auf der Strasse demonstrieren und morgen für 20 Euro nach London fliegen. Graf kann den Vorwürfen nichts abgewinnen: «Junge Menschen machen auf etwas aufmerksam, das nicht gut läuft. Ihre Botschaft wird nicht unwahrer, wenn sie selber nicht perfekt sind.» Dass es zu solchen Widersprüchen gar nicht erst kommt, dazu brauche es das Einschreiten der Politik, erwidert Graf.

Als Vizepräsidentin von Swiss Youth for Climate pflegt Graf regen Kontakt mit Politikern auf höchster Ebene. Zum Beispiel mit Bundespräsident Ueli Maurer. Bei ihm deponierte sie kürzlich die Forderung, der Bund solle sein Geld nachhaltig anlegen und nicht bei Institutionen, denen die Werte der Schweiz nichts bedeuteten. In naher Zukunft steht ein Treffen mit Maurers Kollege Guy Parmelin an. Dort geht es um die Kredite des Bunds für Bildung, Forschung und Innovation und bereits kommendes Wochenende ist Bundesrat Ignazio Cassis an der Reihe. «Was ich von ihm fordere, weiss ich noch nicht genau», sagt Graf und lacht. «Aber es geht um Aussen- und Klimapolitik. Das ist sicher.»

Und dann ist da noch die nächste Uno-Klimakonferenz Anfang Dezember. Mit einer Delegation von 16 Vertretern wird Graf nach Madrid reisen und die Schweiz in den offiziellen Klimaverhandlungen vertreten. Eigentlich war Chile als Gastgeberland vorgesehen. Dass der Austragungsort wegen der politischen Unruhen in Südamerika nach Spanien verlegt wurde, kommt der Gelterkinderin gar nicht ungelegen: «Mit dem Zug bin ich in 13 Stunden dort. Zmittag in Paris, Znacht in Barcelona und schlafen in Madrid.»

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